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Zahnärzte blicken über den Tellerrand

Fallbesprechung im Freiburger Uni-Klinikum

Zahnärzte blicken über den Tellerrand

Schillers Schädel-Rekonstruktion, die Einsätze der Notfallchirurgie nach Schlägereien oder Kiefergelenkschmerzen, deren Ursache selbst Experten verblüfft – die diesjährige Fallbesprechung an der Universitätsklinik Freiburg sollte „etwas anders werden und über den Tellerrand der Zahnmedizin hinaus blicken“, sagte Prof. Dr. Dr. Rainer Schmelzeisen, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG-Chirurgie).

Einmal im Jahr lädt die Universität in Zusammenarbeit mit der Bezirkszahnärztekammer Freiburg und der Südbadischen Zahnärztegesellschaft Kollegen aus dem südbadischen Raum nach Freiburg ein. Zahnärzte des Klinikums berichten von spektakulären Operationen und besonderen Fällen aus ihrem Praxis- und Forschungsalltag. Rund 150 Kollegen füllten in diesem Jahr den großen Hörsaal der Universitätsklinik. „Die Veranstaltung gibt es seit Jahrzehnten und die Rückmeldung fällt durchweg positiv aus“, sagten Dr. Peter Riedel, Vorsitzender der Bezirkszahnärztekammer und Dr. Joachim Schwalber, Vorsitzender derSüdbadischenZahnärztegesellschaft. Neben Themen mit medizinischem Bezug zeigten die Referenten in diesem Jahr auch, wie die Kieferchirurgie Patienten mit schweren Verletzungen und Erkrankungen ein besseres Leben ermöglicht.

Gefährliches Freiburg. Diesem Thema widmete sich beispielsweise Michael A. Ermer als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der MKG-Chirurgie. Er arbeitet in der Freiburger Notfallklinik und hat am Wochenende, wie seine anderen diensthabenden Kollegen, alle Hände voll zu tun. „Freiburg ist mit Abstand die kriminellste Stadt in Baden-Württemberg. Laut der Kriminalstatistik 2009 kommt es zu rund 830 schweren Gewaltdelikten pro Jahr. Die meisten passieren am Wochenende in der Freiburger Altstadt“, so Ermer. Die Opfer landen nicht selten auf seinem Behandlungsstuhl. Ermer und seine Kollegen behandeln Riss-, Quetsch- und Platzwunden bis hin zum Gewebeverlust, Verletzungen im Kieferbereich wie Frontzahntraumata oder Kieferfrakturen. „Diese Verletzungen gehen häufig auch mit Nasenbrüchen, Stirnhöhlen- und Jochbeinfrakturen einher“, sagte er.

Chirurgie nach Plan. Wie wichtig Implantatplanung für den Patienten ist, zeigte PD Dr. Katja Nelson an einigen Beispielen aus den Anfängen ihrer Karriere an der Berliner Charité. In Freiburg arbeitet sie als Ärztin in der Privatambulanz. „Die Implantatplanung spielt vor allem für die Jahre nach der Behandlung eine enorme Rolle. Es geht dabei darum, die Therapiezeit zu verringern und die Lebensqualität der Patienten auf lange Zeit zu verbessern“, sagte sie bei ihrem Vortrag.

Gerade bei komplizierten Fällen von Patienten mit geringem Knochenmaterial und auch TumorpatientenmüssenprothetischePlanungen chirurgisch umgesetzt werden, um Misserfolge zu vermeiden, so PD Dr. Nelson. Die 3D-Bildplanung werde in der Chirurgie routinemäßig zur Implantatplanung eingesetzt und finde auch Anwendung bei Kieferverschiebungen. So ließen sich vorhersagbare Ergebnisse erreichen.

Ungewöhnliche Ursachen. Zum genauen Hinsehen raten auch Dr. Christian Scheifele und Dr. Pit Voss. Der Leiter der Sektion Röntgen in der Klinik für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde und der Assistenzarzt am Klinikum für MKG-Chirurgie beschäftigen sich mit der Ursache von Kiefergelenkschmerzen und machten dabei teils erstaunliche Ursachen ausfindig. „Vor allem bei jungen Patienten sind diese Schmerzen nicht normal. Die Ursachen liegen oft an anderer Stelle“, sagte Dr. Scheifele. Die Patienten hätten häufig eine lange Leidensgeschichte und Besuche bei vielen verschiedenen Spezialisten hinter sich. Nicht selten deuteten diese die Schmerzen als psychosomatisch. „Das muss nicht zwangsweise so sein“, sagte Dr. Voss. Bei einemuntypischen Verlauf solle man weitere bildgebende Diagnostiken in Betracht ziehen. Zu einer Magnetresonanztomografie (MRT) raten die Experten, wenn sich nach drei bis vier Wochen funktioneller Therapie keine deutliche Besserung einstellt. Panoramaaufnahmen zeigten häufig nichts Ungewöhnliches. Mithilfe einer MRT entdeckten die Ärzte bei einem 48-jährigen Patienten mit Kiefergelenksschmerzen einen Kleinhirnbrückenwinkeltumor. Bei einer 58-Jährigen entfernten sie mehrere reiskorngroße Fremdkörper aus dem Kiefergelenk. Die Ursache der Gelenkschmerzen eines 13-Jährigen: ein Ewing-Sarkom.

Schillers Schädel. Dass Zahnmedizin auch interdisziplinär funktioniert, zeigte PD Dr. Dr. Marc Metzger in seinem Vortrag. Der Oberarzt arbeitete mit einer 3DBildplanung an der Rekonstruktion zweier Schädel, die im Grab des Dichters Friedrich Schiller gefunden wurden. Zum 200. Todestag sollte Metzger zusammen mit Anthropologen, DNA-Spezialisten und Genealogen ermitteln, ob es sich bei einem der beiden wirklich um die Gebeine des berühmten Dichters handelte und welcher der beiden der richtige Schädel ist. Da die Spezialisten nicht genügend DNA fanden, erstellte PD Dr. Dr. Metzger mittels einer Computertomografie ein virtuelles Bild der Totenmaske und der beiden Schädel. Der kleinere der beiden konnte ausgeschlossen werden, da der Unterkiefer nicht passte. In mehreren Schritten rekonstruierten die Spezialisten dann das Gesicht. Auch in der Kriminologie werden diese 3D-Bildgebungen angewandt. Mit dieser Methode können auch Knochensplitter virtuell zusammengesetzt werden. So berichtet Dr. Metzger vom Fall einer jungen Frau, der nach einem Verkehrsunfall Knochensplitter auf den Sehnerv drückten. Nach der Notoperation fügte er die Splitter mittels 3D-Technik zusammen und setzte sie der Frau wieder ein. Auch individuell angefertigte Implantate einzelner Gesichtspartien sind dank der Technik möglich. „Derzeit arbeiten wir daran, eine Datenbank zur Gesichtsanalyse zu erstellen“, sagte Dr. Metzger. Mittels mathematischer Formeln sollen Muster für jede Partie erstellt werden. Auch eine Datenbank für Textur- und Farbinformationen von Haut, Augen und Haaren soll es bald geben.

C. Weiss

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